Unterbezahlt, unterschätzt, Überleben statt Erleben. Ich weigerte mich, Erzieherin in einer konventionellen Kita zu sein

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Vom Traum, als Erzieherin irgendwann mal die Welt zu verbessern, die große Enttäuschung – und wieder zurück. So lässt sich meine Reise in den letzten zehn Jahren beschrieben. Ich werde erklären, warum Kitas wahre Tretminenfelder sind und warum für mich am Ende doch noch alles gut wurde.

Ich habe heute selber zwei Töchter, bin verheiratet und bin heute selbstständige Erzieherin mit einer eigenen christlichen Großtagespflege.

Nach dem Abi habe ich erst einmal angefangen Jura zu studieren – eine selten dämliche Idee! Jura ist vermutlich neben BWL eines der Fächer, in dem die Ellenbogenrate am höchsten ist. Während des Studiums lernte ich, dass man die gewöhnliche „Stutenbissigkeit“ nochmal auf ein ganz neues Level heben kann! Der ultimative Tiefpunkt meiner Studentenkarriere war erreicht, als ich heulend aus einer Vorlesung des Strafrechts gegangen war. Nüchtern bearbeiteten wir einen echten Fall, in dem es um eine sogenannte Familientragödie ging. Mehr will ich dazu gar nicht schreiben. Alle anderen Rechtsanwaltsanwärter hingen einfach nur mit trockener Mine über ihren Arbeitsblättern. Von Empathie keine Spur! Ich entschloss mich, das Studium hinzuschmeißen und dass ich mehr soziales Miteinander in die Welt tragen möchte – ich wusste nur noch nicht wie. Aber relativ schnell stand fest: ich werde „Kindergärtnerin“!

Ich zog also los um die Welt zu retten

Eine Weltreise, acht Jahre, eine Hochzeit und zwei Kinder später hatte ich es dann endlich geschafft! Ich war staatlich anerkannte Erzieherin. Jetzt könnte man meinen, ich habe Luftsprünge gemacht, als ich endlich in meinem Traumberuf voll durchstarten konnte… aber weit gefehlt! Während der Ausbildung habe ich insgesamt locker 20 Monate Praktikum absolviert. Ich schnupperte in die verschiedensten Kitas hinein und im Kern bot sich mir immer das Selbe Bild:

Unterbezahlte und nicht genügend wertgeschätzte Pädagogen plagten sich mit viel zu wenig Kollegen und viel zu großen Kindergruppen ab, um im Grunde nur den Tag zu überleben, anstatt mit den Kindern etwas sinnhaftes zu erleben, während deren Eltern nörgeln, dass die Betreuungszeiten für unter dreijährige acht Stunden nicht überschreiten dürfen!

PUH! Was für ein Schachtelsatz! Aber er trifft den Nagel auf den Kopf!

Das System Kita kann krank machen

Ich möchte nicht anzweifeln, dass jede Einrichtung ihr Bestes gibt, um möglichst jedem Kind gerecht zu werden – aber es geht einfach nicht! Im Grunde genommen sind wir mit unseren Kitas und besonders mit den Krippen wieder beim altbewährten DDR-Modell „Satt. Sauber. Trocken.“ angekommen. Von einer „Kita in der wir gut und gerne leben“ nicht die Spur. Die Kitas müssen möglichst viele Kinder über eine möglichst lange Zeitspanne pro Tag betreuen – das einzelne Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen geht dabei meist verloren. So passiert es zum Beispiel, dass Kinder sich mit zugehaltenen Ohren und geschlossenen Augen in die letzte Ecke des Gruppenraumes setzen, damit sie endlich mal ihre Ruhe haben.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie hoch der Lärmpegel in einer gewöhnlichen Kita ist? Ein Kind kann so laut schreien wie ein Düsenjet, das ist wissenschaftlich belegt! Und dass ein permanenter Lärmpegel mit einem steigendem Stresspegel korreliert, brauche ich an dieser Stelle wohl nur einmal ganz kurz erwähnen.

Das romantische Bild von Kindergärten und die unangenehme Realität

Es braucht sehr viel Fingerspitzengefühl, Zeit und Geduld, ein zwei-jähriges Kind zu trösten, abzulenken und aufzumuntern, wenn es weint, weil es seine Mama vermisst. Wir stellen uns das immer so nett, heimelich und romantisch vor: eine liebevolle Erzieherin sitzt dann mit dem kleinem Jungen auf dem Schoß da und redet mit sanfter Stimme auf ihn ein, dass alles gut wird bevor sie ihn dazu ermutigen will, mit ihr Auto zu spielen. Aber nix da! Die Realität sieht nämlich so aus: Eine Erzieherin und eine Sozialpädagogische Angestellte sitzen in einem viel zu kleinem Raum mit 14 Kindern, von denen mindestens fünf weinen, während die anderen irgendwie einfach nur „da“ sind. Zwischendurch müssen noch im Laufe des Tages mindestens 30 Windeln gewechselt, 10 Nasen geputzt und 19 Streitfälle geschlichtet werden. Das Ganze in einer esperantoähnlichen Sprache, die gerade mal mit den Worten „Mama“, „Aua“ und „Da“ auskommt. Also, eines habe ich in meiner Ausbildung zur Erzieherin gelernt: eine Kita ist ein Tretminenfeld!

Gewissen und Moral haben wenig Platz in Kitas 

Für mich war klar: in diesem System will und kann ich nicht mitmachen! Das kann ich mit meinem Gewissen und einen persönlichen moralischen Wertvorstellungen und meinem Menschenbild einfach nicht vereinbaren! Ich will nicht in einer Kita arbeiten, die Kinder von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends betreut. Ich will keine Babies betreuen, die gerade mal acht Monate alt sind und nicht einmal krabbeln können! Ich will nicht in einer Kita arbeiten, in der ich nicht in der Lage bin, den einzelnen Eltern in wichtigen Phasen der kindlichen Entwicklung adäquat zur Seite zu stehen, weil es einfach nicht möglich ist, neben der regulären Arbeitszeit noch alle 50 Elternpaare ausführlich zu beraten!

Sechseinhalb Stunden Arbeit am Tag reichen

Und nun sitze ich hier: wiederum zwei Jahre später. Heute betreibe ich meinen eigenen, kleinen christlichen Kindergarten. Dort betreue ich mit zwei Kolleginnen zehn Kinder von 18 Monaten bis etwa dreieinhalb Jahren. Wir kennen alle Eltern und Großeltern mit Vornamen. Die Betreuungszeiten haben wir auf acht bis halb drei festgelegt – weil wir der Meinung sind, dass ein Sechseinhalbstundentag aufregend und anstrengend genug für ein kleines Kind ist. Denn: Spiel ist die Arbeit des Kindes – und laut dem deutschen Grundgesetz hat jeder Mensch das Recht auf Freizeit.

Herzlichst, Rebecca

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